von Laurent Glatz – für Athletic Carnivore
Cortisol hat einen schlechten Ruf. Man wirft ihm vor, Gewichtszunahme zu fördern, Muskeln abzubauen, den Schlaf zu sabotieren, den Blutzucker zu erhöhen und nervös zu machen. All das kann in einem chronischen Kontext zutreffen. Doch bei Athleten, insbesondere bei carnivoren oder Low-Carb-Athleten, ist diese Sichtweise zu simpel. Cortisol ist kein Feind. Es ist ein Mobilisierungshormon.
Das Problem ist nicht, dass es ansteigt. Das Problem ist, dass es nicht mehr absinkt.
Ein Hormon, das zum Handeln gemacht ist
Während einer Belastung muss der Körper Energie verfügbar machen. Katecholamine steigen, die Herzfrequenz erhöht sich, die Leber setzt Glukose frei, Fettsäuren zirkulieren, das Nervensystem bereitet sich auf Leistung vor. Cortisol unterstützt diese Mobilisierung. Es beteiligt sich an der Neoglukogenese, also der Glukoseproduktion aus Lactat, Glycerol und Aminosäuren.
Für einen carnivoren Athleten ist dieser Mechanismus grundlegend. Das Fehlen massiver Kohlenhydratzufuhr bedeutet nicht das Fehlen von Glukose. Der Körper weiß, wie er das benötigte Glukose herstellen kann. Er kann Glykogen für intensive Belastungen sparen, mehr Fett in Ruhe verbrennen und Glukose mobilisieren, wenn die Aktion es verlangt.
Leistung ist also kein Widerspruch zum Carnivorismus. Es erfordert nur das Verständnis, dass der Stoffwechsel nicht in permanenter Ketose verharrt. Er wechselt ab.
Wenn Cortisol zum falschen Treibstoff wird
Die Gefahr entsteht, wenn Cortisol zur Hauptenergiequelle im Alltag wird. Manche Athleten glauben, fit zu sein, weil sie stimuliert sind. Sie trainieren, trinken Kaffee, essen zu mager, schlafen wenig, salzen zu wenig, treiben die Intensität hoch und interpretieren ihre innere Anspannung als Motivation.
In Wirklichkeit leben sie unter neurologischer Dauerinfusion.
Cortisol hält den Blutzucker stabil – aber auf Kosten eines systemischen Stresses. Der Schlaf wird leicht. Die Muskelregeneration verlangsamt sich. Die Libido sinkt. Verletzungen nehmen zu. Die Verdauung wird angespannt. Die Stimmung reagiert gereizt. Die Person ist nicht leistungsfähig. Sie kompensiert.
In einer schlecht abgestimmten carnivoren Herangehensweise ist dieses Szenario häufig. Zu viel mageres Protein, zu wenig natürliches Fett, zu wenig Natrium, zu viel Fasten, zu viel Kaffee, zu viel Training. Der Körper optimiert nicht. Er ist in Alarmbereitschaft.
Die Rolle von Fett und Salz
Beim carnivoren Athleten kann die Energie nicht nur aus Proteinen stammen. Proteine bauen auf, reparieren und unterstützen die Neoglukogenese. Werden sie jedoch zur einzigen Energiequelle, gerät der Körper in metabolische Spannung. Natürliches Fett aus Fleisch, marmorierte Stücke, wenn verträglich Eigelb, Mark, Talg oder fettreiche Fische sind Stabilitätswerkzeuge.
Salz ist ebenso zentral. Sinkt das Insulin, hält die Niere weniger Natrium zurück. Ein Athlet, der schwitzt, trainiert und Low Carb isst, kann Elektrolyte viel schneller verlieren. Müdigkeit, Herzrasen, Blutdruckabfall, Leistungseinbruch: Das Problem sind nicht immer Kohlenhydrate, oft sind es Mineralien.
Cortisol anhand von Symptomen lesen
Cortisol beurteilt man nicht nach einer Idee, sondern liest es im Körper ab. Nächtliches Erwachen. Plötzlicher Wachzustand um 3 oder 4 Uhr morgens. Schwierigkeit, nach dem Training herunterzufahren. Nervöser Hunger. Unverzichtbarer Kaffee. Reizbarkeit. Kälteempfindlichkeit. Libidoverlust. Leistungsabfall trotz mehr Anstrengung. Das sind Signale.
Hier wird die Athletic Carnivore Herangehensweise interessant: Sie fragt nicht nur, ob du carnivor bist, sondern wie dein Nervensystem diesen Carnivorismus toleriert. Manche explosive Profile brauchen viel Fleisch, Salz, Struktur und echte Erholung. Ängstliche Profile sollten späte Intensität, aggressive Fasten und zu strenge Restriktionen vermeiden.
Cortisol muss steigen – und wieder fallen
Ein gesunder Athlet ist kein Athlet ohne Cortisol. Es ist ein Athlet, der Intensität steigern und dann wieder zur Ruhe kommen kann. Mobilisierung und Reparatur. Anstrengung und Schlaf. Stress und Parasympathikus. Diese Wechselwirkung baut Leistung auf.
Cortisol ist also ein Verbündeter, wenn es der Aktion dient. Es wird zum Problem, wenn es stabile Energie ersetzt. Die eigentliche Frage lautet nicht: „Habe ich zu viel Cortisol?“ Sie ist präziser: Nutzt mein Körper Cortisol zur Leistung oder um mein eigenes Protokoll zu überleben?
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