Was, wenn dein Coach deinen Neurotyp liest statt deinen aktuellen Zustand?
von Laurent Glatz – für Athletic Carnivore
Neurotyping hat dem Coaching eine wertvolle Erkenntnis gebracht: Nicht alle Athleten reagieren auf denselben Reiz gleich. Manche brauchen Intensität, schwere Lasten, Herausforderung, Neuheit. Andere machen bessere Fortschritte durch Gefühl, Wiederholung, Kontrolle und kontrolliertes Volumen. Dieses Raster kann sehr wirkungsvoll sein. Doch es wird absurd, sobald es die Beobachtung vor Ort ersetzt.
Ein Coach kann dein Grundprofil kennen und dennoch völlig danebenliegen, was du heute verkraften kannst. Denn du bist nicht nur ein „Typ“. Du bist ein Nervensystem in einem Kontext: mehr oder weniger guter Schlaf, mehr oder weniger hoher Cortisolspiegel, mehr oder weniger ruhige Verdauung, mehr oder weniger stabiler Blutzucker, mehr oder weniger hohe mentale Belastung.
Die Gefahr liegt im falschen Maßgeschneiderten. Man sagt dir, du seist dopaminerg, also brauchst du schwere Lasten, Nervosität, Kontraste, Explosivität. Auf dem Papier mag das stimmen. Aber wenn du schlecht schläfst, zu viel Kaffee trinkst, zu wenig isst, deine Ernährung dich zwischen Spitzen und Abstürzen schwanken lässt, deine Entzündungen steigen und dein Stress nie sinkt, wird dein Hebel zum Gift.
Umgekehrt muss ein vorsichtigerer oder ängstlicherer Typ nicht lebenslang in langsamen, schwachen Einheiten gefangen sein. Er kann kraftvoll, explosiv und konstant werden, vorausgesetzt, die biologische Sicherheit wird zuerst aufgebaut: stabile Energie, Salz, ausreichende Proteine, gut dosierte Fette, Erholung, schrittweise Steigerung der Intensität. Das Problem ist nicht sein Potenzial. Das Problem ist das Umfeld, in dem dieses Potenzial sich entfalten will.
Hier trifft die Ernährung von Athletic Carnivore auf Neurotyping. Eine durchdachte carnivore oder Low-Carb-Ernährung dient nicht nur der Fettverbrennung. Sie reduziert das Rauschen, das das Nervensystem unlesbar macht. Wenn schlecht verträgliche Kohlenhydrate, verarbeitete Produkte, Heißhunger und Abstürze verschwinden, wird der Athlet klarer erkennbar. Man sieht besser, was seiner Natur entspricht und was metabolische Fehlentwicklungen waren.
Doch diese Logik erfordert Feingefühl. Eine strikte Carnivore-Diät kann für einen Typ, der mit Zucker und Nahrungsbelohnungen kompensiert, befreiend sein. Für einen ängstlichen Typ kann sie anfangs belastend wirken, wenn die Stützen zu schnell wegfallen, ohne dass Stabilität wieder aufgebaut wird. Ein Coach, der nur auf das Etikett schaut, übersieht diese Nuancen.
Einen Athleten zu lesen heißt nicht, ihm einen Namen zu geben. Es heißt zu beobachten, wie er sich verändert, wenn sein Schlaf besser wird, seine Ernährung einfacher, sein Cortisol sinkt, seine Erholung zurückkehrt und sein Training ihn nicht mehr nervlich erschöpft. Dann zeigt sich das wahre Profil.
Der Neurotyp ist also keine Verurteilung. Er ist eine Ausgangshypothese. Das Feld gibt die Antwort.
Und wenn dein Coach nicht den Unterschied sieht zwischen dem, was du tief in dir bist, und dem Zustand, in dem du heute feststeckst – trainiert er dann wirklich deinen Neurotyp oder nur seine eigene Abkürzung?
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