# 229 Jäger-und-Sammler-Gesellschaften untersucht: Was, wenn unsere Sicht auf die menschliche Ernährung völlig falsch ist?
**von Laurent Glatz – für Athletic Carnivore**
Jahrelang prägte sich ein sehr einfaches Bild unserer Vorfahren ein: gelegentlich etwas Fleisch bei erfolgreicher Jagd, ansonsten viele Wurzeln, Früchte, Samen, Knollen und Pflanzen.
Diese Darstellung erscheint so intuitiv, dass sie heute als selbstverständlich gilt.
Doch wenn man das Vorstellungsbild verlässt und die verfügbaren ethnografischen Daten betrachtet, wird das Bild deutlich komplexer und irritierender.
Eine Analyse, veröffentlicht im *American Journal of Clinical Nutrition*, untersuchte **229 Jäger-und-Sammler-Gesellschaften aus dem Ethnographic Atlas**, verteilt auf extrem unterschiedliche Umgebungen weltweit. Das Ergebnis verdient eine genaue Betrachtung: **73 % dieser Gesellschaften bezogen mehr als die Hälfte ihres Lebensunterhalts aus tierischen Nahrungsmitteln durch Jagd und Fischfang.** Noch eindrucksvoller: **133 von 229 Gesellschaften, also 58 %, erzielten mindestens 66 % ihres Lebensunterhalts aus tierischen Quellen.**
Dabei ist Vorsicht bei einer oft missverstandenen Zahl geboten: Es sind nicht „68 bis 73 % tierische Nahrungsmittel“. Das sind zwei unterschiedliche Angaben.
Eine ergänzende Analyse schätzt die **durchschnittliche Abhängigkeit von tierischen Nahrungsmitteln auf etwa 68 %**, gegenüber 32 % pflanzlicher Nahrung. Die Zahl **73 %** bezeichnet hingegen den Anteil der Gesellschaften, die mehr als die Hälfte ihres Lebensunterhalts aus tierischen Quellen bezogen.
Diese Unterscheidung ist wichtig, weil sie das Ergebnis noch interessanter macht.
Es ging nicht nur um die Inuit
Der Einwand kommt sofort: Natürlich aßen Völker in der Arktis viel tierische Nahrung. Sie hatten kaum Alternativen.
Das stimmt.
Aber die Daten beziehen sich eben nicht nur auf polare Populationen.
Die Forscher untersuchten Gesellschaften, die in der **Tundra, den nördlichen Nadelwäldern, gemäßigten Wäldern, Gebirgsregionen, Wüsten, Steppen, Savannen, subtropischen und tropischen Wäldern** lebten.
Die Umwelt beeinflusste das Verhältnis von Pflanzen, Jagd und Fischfang erheblich.
In den untersuchten nördlichen Tundra-Regionen machte das Sammeln durchschnittlich nur **6 bis 15 % des Lebensunterhalts** aus, während Jagd und Fischfang klar dominierten.
In den nördlichen Nadelwäldern betrug der Anteil pflanzlicher Nahrung etwa **16 bis 25 %**, wobei Fischfang eine bedeutende Rolle spielte.
In gemäßigten Grasländern konnte die Jagd allein **56 bis 65 % des Lebensunterhalts** ausmachen, zuzüglich der Fischfang-Erträge.
Umgekehrt griffen Gesellschaften in Wüsten, tropischen oder pflanzenreichen Umgebungen logischerweise stärker auf das Sammeln zurück.
Mit anderen Worten: Es gab selbstverständlich **keine universelle urzeitliche Ernährung**.
Aber etwas viel Interessanteres: Wenn die Umwelt eine intensive Nutzung tierischer Ressourcen erlaubte, nutzten Jäger und Sammler diese meist massiv.
Die Autoren fassen zusammen, dass unter geeigneten ökologischen Bedingungen tierische Nahrungsmittel häufig einen sehr großen Anteil der Energiezufuhr lieferten.
73 % versus 13,5 %: Der aufschlussreichste Kontrast
Es gibt eine noch aussagekräftigere Zahl.
Während **73 % der untersuchten Gesellschaften mehr als die Hälfte ihres Lebensunterhalts aus tierischen Quellen bezogen**, überschritten nur etwa **13,5 %** diesen Schwellenwert mit pflanzlicher Nahrung aus dem Sammeln.
Und wenn die Forscher den Schwellenwert auf mindestens zwei Drittel des Lebensunterhalts anheben, wird der Unterschied spektakulär:
**133 von 229 Gesellschaften** überschritten 66 % Abhängigkeit von tierischer Nahrung.
Nur **8 Gesellschaften**, etwa 4 %, erreichten diesen Wert mit gesammelten Pflanzen.
Das beweist keineswegs, dass der Mensch ein „obligater Karnivore“ sei.
Das ist auch nicht die Fragestellung.
Es zeigt vielmehr etwas Subtileres: **Die Vorstellung, die historische menschliche Ernährung sei überwiegend pflanzlich gewesen mit gelegentlichem Fleischkonsum, passt schlecht zu dieser ethnografischen Basis.**
Was aßen diese Populationen wirklich?
Eine weitere Falle gilt es zu vermeiden: „tierische Nahrungsmittel“ automatisch mit modernem Rindersteak gleichzusetzen.
Je nach Region konnten das Säugetiere an Land, Wild, Fische, Meeressäuger, Vögel, Eier, Muscheln oder andere lokal verfügbare tierische Ressourcen sein.
Umgekehrt entsprach der pflanzliche Anteil nicht unserer heutigen Aufnahme von Mehl, raffinierten Getreiden, Fruchtsäften oder industriellen Produkten.
Es handelte sich um wilde Pflanzen, saisonale Früchte, Knollen, Wurzeln, Nüsse und andere Ressourcen, deren Verfügbarkeit, Zusammensetzung und Energiedichte sich stark unterschieden.
Deshalb wird der direkte Vergleich einer Jäger-und-Sammler-Gesellschaft mit einer modernen westlichen Ernährung allein anhand der Begriffe „Fleisch“ und „Pflanzen“ schnell irreführend.
Eine sehr variable Ernährung… aber selten wie angenommen
Eine weitere Studie schätzte den Kohlenhydratanteil dieser 229 Ernährungsmodelle. Die Streuung ist enorm: je nach Ökosystem lag der geschätzte Kohlenhydratanteil zwischen etwa **3 % und 50 % der Energie**, mit Median und Modus bei etwa **16 bis 22 %**.
Diese Variabilität ist entscheidend.
Die Hadza aßen nicht wie arktische Populationen.
Gruppen im tropischen Regenwald aßen nicht wie jene in gemäßigten Ebenen.
Populationen mit starker Abhängigkeit vom Fischfang aßen nicht genau wie solche, die hauptsächlich von der Jagd lebten.
Eine moderne Analyse mehrerer Jäger-und-Sammler-Gruppen bestätigt diese enorme Vielfalt der Nahrungsquellen und erinnert daran, dass Populationen wie die Hadza, San, Aché oder andere tropische Gruppen sehr unterschiedliche Ernährungsprofile aufweisen können.
Was schwer zu verteidigen ist, ist hingegen die Vorstellung einer einheitlich pflanzenreichen und relativ fleischarme urzeitlichen Ernährung.
Eine faszinierende Studie… aber mit Grenzen
Man muss mit Daten, die eine Hypothese stützen, ebenso kritisch umgehen wie mit solchen, die sie widerlegen.
Der Ethnographic Atlas wog natürlich nicht jede täglich konsumierte Nahrung von 229 Völkern ab.
Es handelt sich um ethnografische Daten, die die wirtschaftliche Abhängigkeit von verschiedenen Lebensunterhaltsquellen in relativ groben Intervallen klassifizieren. Die Autoren selbst und spätere Arbeiten weisen darauf hin, dass diese Schätzungen zwangsläufig eine gewisse Ungenauigkeit enthalten.
Quantitative Studien mit detaillierteren Daten existieren nur für eine deutlich geringere Anzahl von Gesellschaften.
Doch hier wird es interessant: In einer Übersicht von **13 quantitativen Ernährungsstudien** machten tierische Nahrungsmittel im Durchschnitt etwa **65 % der Energie** aus, gegenüber 35 % für Pflanzen. Dieses Ergebnis lag also relativ nahe an der durchschnittlichen Schätzung von 68/32 aus den 229 Gesellschaften des Atlas.
Das macht die Zahlen nicht zur universellen Wahrheit.
Es bedeutet lediglich, dass zwei unterschiedliche Methoden zu einer ähnlichen Beobachtung führen: **In vielen historisch untersuchten Jäger-und-Sammler-Gesellschaften waren tierische Nahrungsmittel nicht nur ein marginaler Zusatz, sondern eine wesentliche Komponente der Ernährung.**
Und genau hier wird diese Studie wirklich unbequem.
Lange suchte die moderne Ernährungsdebatte danach, was der Mensch „essen sollte“.
Die Anthropologie zwingt uns zunächst, eine viel einfachere Frage zu stellen:
**Was haben wir tatsächlich gegessen, als unsere Ernährung direkt von der Umwelt abhing und nicht von Ernährungsempfehlungen oder der Lebensmittelindustrie?**
Die Antwort lautet nicht „nur Fleisch“.
Sie lautet auch nicht „hauptsächlich Pflanzen“.
Sie scheint viel interessanter zu sein: **eine bemerkenswerte Anpassungsfähigkeit, mit in vielen Gesellschaften einer deutlich höheren Abhängigkeit von tierischer Nahrung als allgemein angenommen.**
Und diese Beobachtung wirft eine weitere Frage auf: Wenn wir heute eine carnivore, Low-Carb- oder fleischreichere Ernährung verfolgen, liegt das Problem wirklich an unserer Biologie – oder manchmal an der modernen Umsetzung, unserem Aktivitätsniveau, Schlaf, Stress, metabolischen Vorgeschichte und unserem individuellen Terrain?
Genau hier hören die Statistiken zu 229 Gesellschaften auf, nur eine anthropologische Kuriosität zu sein.
Sie erinnern uns daran, dass eine Population uns über die Möglichkeiten der menschlichen Spezies informieren kann, aber niemals allein bestimmen kann, was heute für eine einzelne Person passend ist. Das ist auch die Philosophie von Athletic Carnivore: Ernährung, Low Carb, Sport, Regeneration und weitere Parameter als Werkzeuge zur Analyse des individuellen Terrains zu nutzen, nicht als universelle Regeln.
**Die eigentliche Frage lautet also vielleicht nicht mehr: „Hat der Mensch Fleisch gegessen?“**
Die Daten machen diese Frage fast trivial.
Die viel interessantere Frage ist:
**Wenn unsere Spezies in Umgebungen funktionierte, in denen 60, 70, 80 % oder mehr des Lebensunterhalts manchmal aus tierischen Quellen stammten, was ändert das an der Art, wie du heute die Reaktionen deines eigenen Körpers interpretierst?**
**Mein metabolisches Terrain verstehen**
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